1993
Regie: Volker Barlen

Gunderloch
Löbsche Bär
Chinajockel
Stenz
Stopski
Jochen Most
Babettchen
Annemarie Most
Rindsfuß
Frau Rindsfuß
Klärchen
Knutzius
Eismayerin
Bruchmüller
Raunz
Kurrle
Frl. Stenz
Vogelsberger
Hahnesand
Volker Barlen
Lore Bartosziewicz
Erwin Dänecke
Monika Hinkel
Karl Hutmacher
Andreas Kühn
Brigitte Kühn
Angelika Kupka
Heike Lossow
Rita Milinkowitsch
Petra Piciorgros
Ferdinand Rotter
Helmi Rotter
Barbara Sparschuh
Reiner Sparschuh
Anni Steinbach
Elke Sudmeyer
Bernhard Wicke
Brunhilde Wicke
Das Stück

Die Uraufführung war am 22.12.1922 im Theater am Schiffbauerdamm in Berlin

Der vitale, verwitwete Weingutsbesitzer, der sich von der Arbeit zurückziehen will, möchte die Hälfte seines Besitzes verkaufen und die andere Hälfte seiner Tochter und deren zukünftigem Ehemann vermachen Dieses möchte ein arroganter, hochnäsiger Assessor werden. 
Der zukünftige Schwiegervater stellt dem Assessor aber eine Aufgabe: Er soll schon vor der Ehe beweisen, dass er in der Lage ist, den Fortbestand der Familie zu sichern. 
Die Tochter liebt jedoch einen anderen, einen Rheinschiffer Ihre Freundin, eine Wirtstochter, ist unsterblich in den Assessor verliebt.
  Angeblich ist es Knuzius gelungen, Gunderlochs Bedingung zu erfüllen Durch diese List gewinnt Klärchen nur Zeit Und Knuzius fällt darauf herein.
In der Landskrone sollen nun der glückliche Verkauf und Klärchens Verlobung bekannt gegeben werden. Aber, wie so oft im Leben, kommt es ganz anders.
An einem sonnigen Nachmittag im Herbst des Jahres 1922 trifft sich eine muntere Gesellschaft, um über den Verkauf der Hälfte des Besitzes des Weingutsbesitzers Jean Baptist Gunderloch zu beraten. Man besichtigte die verschiedenen Lagen und gab „fachmännische“ Urteile ab. Mittlerweile ist die ganze Gesellschaft schon etwas müde und auf dem Weg zum Wirtshaus Landskrone. Unterwegs sind die Weinhändler Stenz, Rindsfuß und Vogelsberger, mit Frau Rindsfuß, einer sauertöpfischen Matrone, und Fräulein Stenz, einer albernen Achtzehnjährigen. Mit unterwegs sind die jüdischen Weinreisenden Hahnesand und Löbche Bär, die sich gegenseitig nicht das Schwarze unter den Fingernägeln gönnen, aber immer eng zusammenstehen. In der Gesellschaft fallen der hochnäsige Student Knuzius und der steife Stadtschreiber Kurrle wegen ihrer unpassenden Bekleidung auf. Der mächtige, etwas faßähnliche Jean Baptist Gunderloch geht in der Mitte der Gesellschaft und schwingt große Reden.
Drei Paare finden sich ... & ... und ... & ...und ... & ...!
Knuzius macht intensive Bekanntschaft mit dem Eismayerschen , und die Sau wird schließlich auch abgestochen.
Das glückliche Ende muß natürlich gebührend begossen werden.

Den Landwirten ging es nach dem Ersten Weltkrieg genauso gut wie nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie konnten sich auf ihre Immobilien stützen. Zu der Zeit war es durchaus üblich, dass sich ein begüterter Landwirt in fortgeschrittenem Alter irgendwo in eine Pension einkaufte, um seinen Besitz oder Teile davon seinen Kindern zu hinterlassen. Kam es zu größeren Verkäufen, waren stets jüdische Händler mit von der Partie. Da sie bekanntlich exzellente Geschäftsleute sind, erhielten sie oft den Zuschlag. Zuckmayer hat nun in seinem Fröhlichen Weinberg nicht die Tatsache aufs Korn genommen, dass der Jude Hohnesand die Hälfte des angebotenen Weingutes kaufen möchte, sondern vielmehr die oft unverschämt werdende Dummheit der übrigen Kaufwilligen. Diese merken zu keinem Zeitpunkt, dass sie mit all ihrer Arroganz den beiden Juden gegenüber die Verhandlungen für die beiden führen. Hahnesand und Löbche Bär brauchen nur abzuwarten, wie die Gespräche ablaufen. Auch am Ende stehen die „großen“ Weinhändler mit leeren Händen da Gunderloch mit Annemarie, Klärchen mit Jochen, letztendlich auch Knuzius mit Babettchen drehen den Schwätzern eine langen Nase. Löbche Bär, dem jüdischen Weinreisenden, ist der Epilog vorbehalten. Er rettet die Situation, indem er das kostenlose Gelage für die Hochzeitsfeierlichkeiten voll und ganz auszukosten gedenkt. Ein weiterer Grund für die Nazis, das Stück nach 1933 zu verbieten!

Der Autor


Carl Zuckmayer

*27.12.1896 †18.1.1977
lebte von 1939 bis 1946 in den USA im Exil, ab 1958 in der Schweiz.

Zuckmayer war erfolgreich mit seinen lebensnahen und vor allem zeitkritischen Stücken. 1922 entstand „Der fröhliche Weinberg“. Dieses Stück, aber auch seine späteren Stücke, wie u.a. „Der Schinderhannes“, „Der Hauptmann von Köpenick“ oder „Der Gesang im Feuerofen“ haben immer wieder den Militarismus und den Antisemitismus in Deutschland als herausragendes Thema. Zuckmayer versuchte stets auch das Liebenswerte und Komische in seinen Landsleuten darzustellen. Und trotzdem oder vielleicht gerade deshalb gefriert einem das Lachen recht oft. Immer dann, wenn die „biederen Arier“ in ihrer maßlosen Arroganz die Absurdität ihrer Sprüche gar nicht wahrnehmen, verteilt Zuckmayer schallende Ohrfeigen an alle, die nur in alten Vorurteilen leben können. Welch eine Freude kommt auf, wenn am Ende die dummen Saubermänner wie die begossenen Pudel dastehen, bloßgestellt scheinbar durch die jüdischen Händler, bloßgestellt vielmehr durch ihre eigene Dummheit. Natürlich bekommen die jüdischen Händler vom Juden Zuckmayer auch einiges mit auf den Weg. Dieses wurde aber zu Zeiten der Nazi-Diktatur nichtgesehen. Es durfte nicht zugelassen werden, dass „gute, arische Deutsche“ der Lächerlichkeit preisgegeben wurden.
Wir haben dieses Stück ausgewählt, um einen kleinen Beitrag zu leisten, den Rassismus und die Ausländerfeindlichkeit in Deutschland anzuprangern. 

Zuckmayer schieb in seinen Erinnerungen „Als wär‘s ein Stück von mir“ über die Uraufführung seines Stückes „Der fröhliche Weinberg“:
»Diesmal setzte ich mich nicht in eine Loge. Ich war viel zu aufgeregt, und ich gehörte zu denen auf der Bühne. Ich stand die ganze Vorstellung hindurch in einer Seitenkulisse und sprach - amüsierte Beobachter erzählten mir das später - jedes Wort mit lautlosen Lippen mit. Nach den ersten Sätzen schon kam ein Ton aus dem Zuschauerraum, der mich erschreckte, es war wie das Knurren einer hungrigen Bestie und schwoll plötzlich zu einem schrillen, gellenden Gewieher. Ich hatte solche Töne noch nie gehört. Gleich darauf knatterte und prasselte es, als hagle ein Gewitterschauer auf ein Blechdach herunter. Bruck, der Regisseur, stand plötzlich neben mir und kniff mich wie ein Krebs in den Arm. „Lachsalven“, flüsterte er, Szenenapplaus!“ Mir war eiskalt.
...Doch hatte der „Fröhliche Weinberg“ höchst sonderbare Schicksale.
...Jetzt aber, als es seinen Weg durch die Provinzen begann, regte sich der „gesunde Bürgersinn“. Im Laufe des nächsten Jahres brachte es das Stück, das heute wohl recht harmlos erscheint, auf 63 Theaterskandale - sie wurden im Hause Ullstein genau registriert, da jeder einzelne die Aufführungsziffern und Auflagen des Buches erhöhte, in dem die Leute sich die „Stellen“ anstrichen...
...Doch waren es nicht so sehr diese „Stellen“, Kraftausdrücke und Erotika, mit denen das Stück eine Art „Kulturkampf“ entfesselte, sondern eine politische Reaktion, die ich in diesem Ausmaß nicht erwartet hatte.
»Zuckmayer schwingt keine Geißel«, schrieb Carlo Mierendorf, Januar 1926, in einer Kritik über den „Fröhlichen Weinberg“, »er begnügt sich, gewisse Zeitgenossen (unsterblich) lächerlich zu machen. Aber die Getroffenen brüllen auf vor Wut.«
Dieses Gebrüll hallte durch ganz Deutschland. Vor allem ging es von den damals schon wieder recht lautstarken Nationalsozialisten aus - sie fühlten sich in den komischen Figuren des Stückes, denen ich die alten und neuen, Völkischen und antisemitischen Phrasen in den Mund gelegt hatte, mit Recht porträtiert, der Völkische Beobachter schäumte. Noch dazu waren sie empört, weil das Stück ihnen etwas wegnahm, was sie gepachtet zu haben glaubten: deutsche Landschaft, deutsches Volkstum ohne Blut-und-Boden-Geschwätz.

Zitiert aus:
Carl Zuckmayer, “Als wär’s ein Stück von mir”, Erinnerungen; 
Fischer Verlag ISBN 3-596-21049-6 Seite 46 ff 
Eine Lektüre, die man empfehlen kann.

© 2006 by R, Leuffen

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