Kölner Stadt-Anzeiger Ausgabe vom 5.11.2007

Eine irre Lügengeschichte
Von ROLAND SCHRIEFER


Eil - Die „Eiler Kirchenbesen” inszenieren das Theaterstück „Pension Schöller”. Das gelungene Lustspiel zeigt: Der Unterschied zwischen Normalität und Wahnsinn ist nur eine Frage der Perspektive.

Der Weltreisende Professor Bernhardy (Mitte, Andy Kühn) findet in der Schriftstellerin Josephine Zillertal (Brigitte Kühn) endlich jemanden, der ihm sein Jägerlatein abkauft.
Eil - Kaum zu glauben, dass das Lustspiel „Pension Schöller“ noch jemanden vom Hocker haut. Seit mehr als 100 Jahren steht es auf den Programmzetteln von Theatern landauf und landab. Es wurde mehrfach verfilmt und kam als Fernsehspiel einige Male in die deutschen Wohnzimmer. Jetzt hat es die Laien-Theatergruppe „Eiler Kirchenbesen“ aufgeführt, und ihre Inszenierung hat es beinahe geschafft, die Zuschauer fast umzubringen - vor Lachen. Mit Gefühl fürs richtige Timing gespielt, fielen die Gags des Lustspiels auf fruchtbaren Boden. Nicht wenige der Zuschauer im ausverkauften Pfarrsaal von St. Michael in Eil machten den Eindruck, sich wegschmeißen zu wollen vor Vergnügen.

Das wird wohl auch bei den restlichen Vorstellungen an den kommenden beiden Wochenenden so sein. Denn das Stück ist dem Ensemble der Eiler Kirchenbesen auf den Leib geschrieben. Sie spielen nicht, sie leben das vergnügliche Verwirrspiel in der Pension Schöller, das Alfred Klapproth (gespielt von Marcel Rombach) mit seiner Lügengeschichte geschaffen hat. Er hat nämlich seinem Onkel (Rolf Leuffen), dem Gutsbesitzer vom Lande, glaubhaft gemacht, die Gäste der Pension Schöller seien Insassen einer Nervenheilanstalt. Diesen Schwindel hat er aufgetischt, um ihm Geld aus der Tasche zu ziehen, das er braucht, weil er ein eigenes Café aufmachen möchte. In Hans (Karl Hutmacher), dem Kellner der Pension, hat Neffe Alfred einen ausgebufften Partner, der das Verwirrspiel mit treffend trockenen Bemerkungen würzt.

Regisseur Manfred Mühlenbach hat seine Komödianten zu Höchstleistungen geführt. Neben den bereits erwähnten Darstellern spielen noch Brigitte Kühn als naiv romantische Schriftstellerin Josefine Zillertal und Andy Kühn als aufschneiderischer Weltreisender Professor Bernhardy, zudem Monika Hinkel als Wirtin der Pension Schöller. Sie versucht, Ordnung ins Chaos zu bringen und ihre Tochter Franziska (Gaby Leuffen) unter die Haube. Erwin Dänecke mimt den schneidigen Major a.D. von Mühlen und Anne Hutmacher Ida Klapproth, die Schwester des Gutsbesitzers, die in Professor Bernhardy endlich ihren Traummann findet. Eine Rolle haben die Eiler Kirchenbesen der Urfassung des Stücks noch hinzugedichtet: Ria Baleno, gespielt von Anni Steinbach, die nur im Sinn hat, alle Männer anzubaggern. Schließlich chargiert noch Michael Effing als Neffe Eugen. Er hat trotz eines Sprachfehlers den „wahnsinnig“ scheinenden Wunsch, Schauspieler zu werden. Wenn Eugen an die Bühnenrampe tritt, um aus Romeo und Julia „es war die Nachtigann und nicht die Närche“ zu lispeln, oder die Apfelszene aus „Winhenm Tenn von Schinner“ zu spielen, gibt es kein Halten mehr im Publikum.

Nicht zu vergessen sei, dass das Ende des 19. Jahrhunderts geschriebene Lustspiel auch einen gesellschaftskritischen Aspekt hat. Denn „Geisteskranken“ waren erst knapp 100 Jahre zuvor die Ketten abgenommen worden. „Pension Schöller“ will auch sagen, dass es oft nur eine Frage der Perspektive ist, ob jemand als normal oder als wahnsinnig angesehen wird.


 

© 2006 by R, Leuffen

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