Kölner Stadt-Anzeiger Ausgabe vom 11.11.2004

Faltenrock und Spitzenhäubchen
Mit einer Hommage an die 20er Jahre sorgten die „Eiler Kirchenbesen“ bei ihrer Premiere für aufregende Stunden im Pfarrheim St. Michael
von Simone Döpper

Eil – Tumultartige Szenen spielten sich im Pfarrheim St. Michael ab. Und das, obwohl Andreas Kühn und Erwin Dänecke den Saal detailgetreu in eine biedere Wohnstube im Jugendstil-Ambiente verwandelt hatten.: Mit
Blümchentapete, Staubwedel, Vertiko und Kronleuchter. Der Umbau
beschränkte sich freilich auf den Bühnenbereich, in dem sich die Akteure
der traditionsreichen Laienschauspieltruppe „Kirchenbesen“ austobten. 

Unter der Regie von Heidi Hirschfeld inszenierte die Theatergruppe mit dem Lustspiel „Der Bräutigam meiner Frau“ aus der Feder des Frankfurter Schriftstellers Otto Schwarz (1872-1940) einen Klassiker, der keine kömödiantische Verrenkung ausließ. Die Schriftstellerin hella Holm (Brigitte Kühn) und ihr Gatte Dr. Theodor Schröder (Erwin Dänecke) führen im berlin der 20er Jahre eine glückliche Ehe. Umsorgt werden sie von der resoluten haushälterin Mathilde Krüger (Monika Hinkel), die ein strenges Regiment führt und mit ihrer Berliner Schnauze das Herz auf dem rechten Fleck hat. Das junge Glück und die Nerven des Publikums werden jäh auf eine harte Probe gestellt, als im Hause Schröder unerwarteter Besuch aus Kanada auftaucht. Ausgerechnet, als Dr. Schröder für seinen Freund Ennerich (Michael Effing) auf einem Wohltätigkeitsfest einspringt, Hella in Brandenburg einen Vortrag hält und Mathilde Ausgang hat, nisten Hellas spießige Tante Ottilie (Anne Hutmacher), ihr grobschlächtiger Ehemann Archibald Thompson (Karl Hutmacher) samt Sohn Toby (Marcel Rombach) sich in der guten Stube ein. 

Von der Ehe ihrer vermeintlich alleinstehenden Nichte Hella ahnt der Besuch aus Übersee nichts, erst recht nicht vom Nachwuchs. Schließlich kommt der so dringend benötigte monatliche Scheck nur deshalb pünktlich, weil Sohn Toby als Hellas zukünftiger Ehemann gehandelt wird.

Mithin ist das Chaos perfekt. In seiner Not verbiegt sich der Junggeselle Heinz Ennerich als ungeübter Babysitter und gibt sich als Dr. Schröder aus. Dieser taucht am anderen Morgen ahnungslos zuhause auf und muss wohl oder übel in die Rolle der Haushälterin schlüpfen. Wahrend Tiefseeforscher Toby der verzweifelten Hella seine Auf-  

Verzicht hätte der Kurzweil keinen Abbruch getan

wartung macht, hat Dr. Schröder alle Hände voll zu tun, seine Eifersucht zu bezwingen. Zu allem Überfluss muss er in seiner Rolle als beleibte Haushälterin auch noch die plumpen Avancen von Archibald abwehren. Als wären es der Akteure und Verwirrungen noch nicht genug, betritt auch noch der cholerische Metzgermeister Anton Bullermann (Manfred Mühlenbein) immer im falschen Augenblick die Szene, um sich Messer wetzend für Mathildes Kritik an seiner Fleischqualität zu rächen. Deren uneheliche Tochter Fränzchen (Svenja Hinkel) sorgt mit Hingabe für hormonellen Daueraufruhr bei Ennerich.

Wie schon in seiner Rolle als „Meisterboxer“ im Jahr 2002 lief Erwin Dänecke als zwitschernde Mathilde mit Faltenrock und Spitzenhäubchen zu Hochform auf, bewies erneut seine Wandlungsfähigkeit und sorgte ausgiebig dafür, dass das Zwerchfell des Publikums ausgelastet war. Nicht weniger beeindruckend spielten sich anderen Akteure um Kopf und Kragen. Allein die Gesetzmäßigkeit einer Komödie ließ schon früh erahnen, dass die spektakulären Turbulenzen zu guter Letzt für alle Beteiligten ein Happy End nahmen.

Die Anstrengung der zehn Schauspieler, das Publikum über drei Akte und zwei Pausen hinweg in Atem zu halten, erwies sich mithin als kaum zu bewältigender Kraftakt. Der Verzicht auf den einen oder anderen der Nebendarsteller und das Kürzen einiger Dialoge auf einen knappen, pointierten Schlagabtausch hätten der Kurzweil keinen Abbruch getan und den verdienten Applaus nicht geschmälert.

(c) 2006 by R, Leuffen

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